Können wir die Lust auf Dünnsein verlernen?

Können wir die Lust auf Dünnsein verlernen?

Können wir die Lust auf Dünnsein verlernen?

Während ich unter Palmen liege und mein Blick über die Poollandschaft des Familienhotels schweift, streichelt meine Hand gedankenverloren meinen Bauch. Seine Weichheit gefällt mir – auf dem Rücken liegend. Er ist fast ein Handschmeichler. Als ich mich auf die Seite drehe, ein neu Buch umblättere, fällt mein Blick auf die runde Welle, die sanft von der Schwerkraft nach unten gezogen wird. Meine weiche Mitte fließt energisch über den Rand der Bikinihose dem Hotelhandtuch entgegen. Ich drehe mich zurück auf den Rücken. Mein Bauch scheint mir nun nicht mehr weich, sondern optimierungswürdig. Liegend sinniere ich über Crunches und Burpees und baue in Gedanken eine neue Fitnessroutine. Sobald ich Zuhause bin, sage ich mir, werde ich beginnen. Echt jetzt.

Wie es begann

Als ich gerade zehn Jahre alt war, fuhren mein Vater und ich nach Mallorca. Der erste Sommerurlaub ohne meine Mutter fand, Ablenkung garantierend, in einem Club statt. Mein Vater besuchte das autogene Training, ich die Angebote für Kids. T-Shirts wurden bemalt, Abendshows eingeübt. Im Wirrwarr dieser zwei sommerlich schwülen Wochen lernte ich eine Handvoll Kinder kennen – ein Junge, drei Mädchen. Ich bin mir nicht mehr sicher, ob ich die Jüngste war, auf jeden Fall hatte ich mir bis dato nie Gedanken über mein Aussehen oder gar meine Figur gemacht. Ich lernte, dass eine von uns vieren, wie in deren Abwesenheit bemerkt wurde, viel zu viel Babyspeck für ihr Alter habe. Mir schien sie sehr normal, doch ich sagte lieber nichts. Meine Figur sei ok, bewertete der einzelne Junge, nur im Verhalten solle ich bitte etwas weiblicher sein. Auch die Bedeutung dieser vorpubertäre Weisheit erschloss sich mir zum Glück nicht ganz.

Die Lust reinzupassen

Was damals begann, denn nicht ohne Grund kann ich diese Szenen so exakt abrufen, war die Lust auch optisch reinzupassen. Die Sucht gefallen zu wollen durchdringt uns wie ein Virus. Wir bemerken es nicht einmal. Es schien mir normal, mich schlecht zu fühlen, wenn ich zugenommen hatte. Mich zu definieren über Kleidergrößen (wie toll, wenn ein Label sehr großzügige Schnitte hatte!). Ich bekam kleine Selbstbewusstseins-Boosts nach einer gelungenen Phase der eingeschränkten Kalorienzufuhr. Überhaupt wusste ich viel zu lange sehr genau, wieviele Kalorien welches Lebensmittel hat. Eine verstörende Zeit lang nahm ich heimlich nach einem gutem Essen ein Abführmittel und verbrachte die Nacht auf der Toilette. Und ich weiß, ich bin nicht alleine. Die meisten meiner Freundinnen haben mehrere Diäten hinter sich und denken über ihre Kleidergrößen nach. Fast alle wären gerne etwas anders. Dünner, muskulöser, durchtrainierter, weiblicher -… Ich erinnere mich, dass mein Mann mich- während unseres ersten gemeinsamen Urlaubs im aufregenden New York – nach dem Besuch einer kleinen, feinen Boutique mit einem Cocktail aufbauen musste. Damals vertrug ich Alkohol noch. Weinend war ich aus der Boutique gekommen, in der man mir mit missbilligendem Blick mitgeteilt hatte, dass es nichts „in meiner Größe“ gäbe.

Motivation findet uns

Als ich hier im Urlaub den Zeitbeitrag von Sophie Passmann (in der Zeit vom 29.9.22) „Das nehmen wir euch nicht ab“ las, fühlte ich mich ertappt. Ich bin 52 und ja, mein Körper ist immer noch manchmal mein Thema. Eine Zeitlang schien ich über den Berg. Ich hatte Frieden gemacht, aber vielleicht auch nur, weil ich eine Zeitlang mehr reingepasst habe?  Ich esse zu 98% pflanzlich und war beispielsweise hoch erfreut, als die eigentlich ethisch begründete Veränderung meiner Ernährung auch gleich 4 Kilo auf der Waage mit sich riss. Ich fand Yoga mitten im größten Stress meines Lebens und liebe die innere Ruhe sehr, die mir meine tägliche Routine beschert. Gleichzeitig fühle ich verschämten Stolz, wenn eine meiner liebsten Freundinnen meine definierten Arme lobt. Woran bitte merke ich, warum ich was tue? Was mich motiviert? Ich wäre furchtbar gerne weise und immer ganz voll Mitgefühl. Tatsächlich aber denke ich immer noch einen viel zu großen Anteil meiner Zeit über die Weichheit meines Bauches und die Festigkeit meiner Schenkel nach.

Nur wir können uns befreien

Die wunderbare Frau Passmann schreibt in ihrem Artikel, dass sich Wut und Scham ausschließen und ich denke: Ja. Und: Ich will auch nicht wütend sein. Nicht auf diese Industrie mit ihren gephotoshopten Covern, mit ihren verlockenden Instagramfiltern und den ganzen Fillern und Implantaten. Ich will mich einfach davon befreien. Will die Insel sein, die ich noch nicht bin.  Will mich in den Arm nehmen und lieben lernen. Will meinen Körper anerkennen, statt ihn optimieren zu wollen. Will laufen gehen, weil ich den Wind in meinen Haaren liebe und es mag, wenn ich danach keuchend fühle, wie das Leben in mir pulsiert. Zur selben Zeit bin ich so gebrainwasht, dass ich mich dabei ertappe, dünnen Frauen bewundernd auf die magereren Schultern zu schauen und mich auf den Rücken zu drehen, wenn mein Bauch sich zu sehr bewegt.

Alles ist eine Aufgabe

So ist unser Leben: Wir alle haben unsere Pakete und erschaffen die Welt, in der wir leben. Die Brille, die aus unseren Erfahrungen entstanden ist und mit der wir auf die Welt schauen, filtert sie. Wir alle sehen, was wir glauben. Somit ist alles, was wir sehen und was uns Frieden klaut, unsere Aufgabe – was nicht zu verwechseln ist mit unsere Schuld. Natürlich wäre Wut eine feine Sache, um die Industrie zu zwingen, Dinge zu verändern. Wut bewegt, stampft, demonstriert. Ich aber habe eine vielleicht unstillbare Sehnsucht nach Frieden, Liebe, Freude. Ich glaube fest, dass ich hier bin, um zu wachsen. Wir alle! Dass mein Bewusstsein über all diese inneren Prozesse mir beibringen wird, mich von ihnen zu befreien. Dass es ist wie mit allem, von dem wir denken, es könnte uns wert verleihen. Nichts im Außen, nichts am Aussehen, überhaupt nichts kann uns Wert geben. Wir sind längst wertvoll und erst diese Erkenntnis, die Befreiung vom erlernten Mangel, kann uns die Weichheit, Freude, Freiheit schenken, nach der wir uns so sehnen. Jede:r von uns kämpft mit irgendwelchen Themen. Eines meiner ist meine Figur. Ein paar andere hab ich auch noch und ich weiß, ich bin nicht alleine.

Wie geht es weiter?

Was, wenn wir lernen uns zu lieben? Wenn wir lernen, uns gegenseitig Mut zu machen für unsere Eigenarten, für das nicht Hineinpassen in diese glattgebügelte Welt? Bei manchen Dingen ist das leichter (meine grauen Haare zum Beispiel waren leichter, eventuell jedoch auch nur, weil grau da gerade überall in war?) – bei manchen schwerer. All unsere Themen sind zäh und wir sind kleine Zwiebeln. Schicht für Schicht arbeiten wir uns ab, an unserer Befreiung. Besser wir sorgen dafür, dass es uns Spaß macht. Besser, wir sorgen dafür, dass wir wissen, wohin wir wollen. Was uns treibt und was uns eingetrichtert wurde. Was, wenn wir lernen diesen Moment zu lieben? Lernen, dankbar zu sein für alles, was ist? Wenn wir die Missstände benennen und gleichzeitig wachsam bleiben für den Opferzustand in uns? Alles ist eine Möglichkeit zur Befreiung. Ein Ver-lernen. Das ganze Leben lang. Niemand sagt, dass es leicht wird, doch wir bestimmen unser Tempo. Unsere Lust am Hinterfragen, am Neuentdecken. Wir dürfen, müssen, können diese ganze Scham vom Nicht-Richtigsein ablegen. Weil erst dann, und zwar Schicht um Schicht, lernen wir wir selbst zu sein und hell zu strahlen.

Hab dich selbst lieb. Das ist die Aufgabe.

Von Herzen,

Silja

PS: Danke an Sophie Passmann für den Denkanstoß. Gespannt auf eure Gedanken.

 

 

 

Hallo, ich bin Silja. Gründerin von Glücksplanet und Trainerin, Coach, Yogalehrerin, fröhliche Mama von drei Söhnen, glückliche Ehefrau, begeisterte Pflanzenesserin, beseelte Yogaübende. Mein Herz schlägt für Psychologie und Coaching, Yoga und gutes, gesundes Essen. Ich schreibe mit Leidenschaft über alles, was helfen kann ein glückliches, entspanntes und begeistertes Leben zu leben. Mehr findest du auf meiner "Über mich" Seite. Für tägliche Inspiration folge mir auf Facebook oder Instagram.

2 Kommentare

  1. Sandra 2 Monaten vor

    Liebe Silja,
    Danke , für diese Worte. Liege gerade ebenfalls am Strand. Trage Gr 36 / S und finde IMMER etwas, womit ich nicht zufrieden bin. Dieser Brain bullshit nervt mich richtig.
    Ganz weit entfernt von absoluter Selbstliebe. Warum ist es so schwer?
    Grüße, Sandra

    • Autor
      Silja 2 Monaten vor

      Liebe Sandra,

      danke für deine Worte. Und ich wünsche dir wunderbare Tage am Strand. Zu deiner Frage: Es ist wie mit allem: Eine Aufgabe. Wir lernen, wachsen. Und ja, manchmal nervt es sehr 🙂

      Fühl dich umarmt,
      Silja

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