Zeit haben

Zeit haben

Zeit haben.

Manchmal ist man ja gefangen in der ganz eigenen Realsatire. Ich zum Beispiel, als ich neulich, total überzeugt, eine Klientin in Sachen Zeit und Fokus gecoacht habe – übrigens direkt nach zwei Tagen Selbstorganisations-Seminar in einer Führungskräfteausbildung. Beides waren das durchaus erfreuliche Termine, ich souverän und begeistert vom Thema. Die Realsatire begann erst am folgenden Tag, als ich mich am Rande des Nervenzusammenbruchs befand – wegen, ihr ahnt es, meiner Selbstorganisation. Denn, natürlich ist Selbstorganisation eine feine Sache. Ich weiß das. Alle wissen das. Meine eigene jedoch kam in letzter Zei,t insbesondere in Sachen Ablage, ein ganz klein wenig zu kurz. Weshalb der Steuerberater an besagtem Tag erst resigniert den Kopf schüttelte, mir später meine Ablage viel zu chaotisch statt kreativ erschien und ich abends meinem Mann stöhnend gegenüber saß und sagte „Ich habe einfach keine Zeit.“, den Tränen nahe versteht sich. Bis ich mir dachte: Warte mal. Stimmt das? Sollte ich nicht Zeit haben? Haben wir nicht alle Zeit?

Dinge, für die wir uns Zeit nehmen

Ich habe, schaue ich mal genau hin, Zeit für ganz schön viele Sachen. In besagtem Seminar sagte der Co-Trainer etwas von 86.400 Sekunden (nicht nachgerechnet). Und ich habe tatsächlich Zeit! Für Yoga und Ayurveda am Morgen zum Beispiel, da nehm ich sie mir einfach. Für Instagram und Posts und Mails auch, denn das ist mein Job, sag ich mir. Natürlich habe ich Zeit für meine Familie und in der Küche verbring ich sie auch gerne, bevor ich mir dann sogar noch Zeit zum Essen nehme. Ich schaue Serien  sehe Freunde, plane, arbeite, gehe aus – für all das ist Zeit. Und doch sag ich immer wieder, dass ich keine habe. Wie ein Mantra. Für dies nicht und für jenes nicht , bis ich mich, wie es sich gehört, so richtig ohnmächtig und fremdgesteuert fühle.

Zurück ans Ruder

So fühlt es sich manchmal an, nicht nur bei mir. Ohnmächtig, Zuviel, Fremdgesteuert. Zig Mails bekomme ich zu dem Thema. Zig Coachings mache ich, in denen es darum geht  – um das „unsere Zeit richtig nutzen“. Jeder wünschst es sich, nicht mehr nur zu reagieren, sondern zu agieren. Wir wollen so gerne die Kontrolle zurück bekommen und damit der Ohnmacht entkommen. Mir geht es nicht anders. Wie auch? Es zeigt sich in meiner Sehnsucht. Ich hätte wahlweise gerne eine Assistentin/ weniger zu tun/ mehr Ruhe / längere Tage. Dabei würde wahrscheinlich nichts von all dem wirklich helfen. Unser Problem mit der Zeit, behaupte ich kühn, nehmen wir immer mit. ganz egal, wie viel Entlastung wir bekommen. Der Schlüssel liegt ganz woanders, wir müssen ihn nur wiederfinden.

Die Sache mit dem Krug

Kennt jemand die Geschichte mit dem Krug? Ich erzähle sie meist in Coachings oder Seminaren und habe leider keine Idee mehr, wo ich sie mal gefunden habe, sie ist nämlich nicht von mir. Sie geht ungefähr so: Ein Professor soll vor einer Gruppe hochdosierter Manager einen Vortrag über Zeitmanagement halten und stellt auf den Tisch vor sich einen Krug. Er füllt den Krug voll mit großen, dicken Steinen und fragt seine Gruppe Zuhörer „Ist der Krug voll?“. Die Gruppe antwortet natürlich : „Ja!“ und der Professor holt kleinere Kieselsteine hervor und lässt sie zwischen die großen Steine rieseln. Nun weiß die Gruppe, wie der Hase läuft und dass der Krug noch nicht voll ist. So wiederholt der Professor die Übung noch mit kleineren Steinen, Sand und zu guter Letzt mit Wasser. Nach all diesen Runden fragt er die Gruppe: „Was lernen wir daraus?“ und einer der Manager antwortet: „Dass wir, auch wenn der Tag uns voll erscheint, immer noch was unterkriegen können?“ woraufhin der Professor den Kopf schütteln und sagt: “ Nein. Nur, wenn wir die großen Steine zuerst einfüllen, finden sie auch einen Platz.“

Prioritäten und Alltag

Was SO richtig ist. Um das Gefühl zu haben, erfüllt leben zu können, brauchen wir Platz für die großen Steine. Wir müssen wissen, was sie sind. Wer sie sind. Was ist uns wichtig? Nach welchen Werten wollen wir leben? Wie in Erinnerung behalten werden? Wenn du unsicher bist, wie deine großen Steine aussehen, denk über die begrenzte Zeit deines Lebens nach. Was musst du unbedingt noch tun/ erleben/ lernen/ ausleben/ zurückgeben, damit es ein gutes Leben gewesen ist?

Die Steine sortieren

Wenn wir unsere Steine haben, dann können wir ihnen Platz einräumen. Was nicht heißt, dass wir nicht alle auch jede Menge Alltagskram um uns haben. Aufgaben, die uns nicht gefallen (wie meine Ablage)  und Aufgaben, die wir lieben. Auch mit der Klarheit über die großen Steine wird es mit Sicherheit Tage geben, in denen wir rennen und uns fremdgesteuert vorkommen und nur die Kiesel Platz findet.  Andere jedoch, in denen wir uns frei und klar fühlen. In denen wir Raum für die großen Sachen haben und jede Menge Sand dazwischen rieseln darf, ohne dass es uns stresst. Organisation beginnt mit Prioritäten und ihrem Raum im Alltag. Was ein wunderbarer erster Schritt ist, wenn mal wieder der Gedanke kommt, es sei keine Zeit da.

Leer lassen.

Wobei auch das Zeitgefühl spannend ist. Dieses Jahr ist wild bei mir und mehr denn je denke ich: Die Zeit rennt! Wie immer, wenn wir viel zu tun haben, wenn wir uns von Beschäftigung zu Beschäftigung hangeln, keine Leere zulassen. Sie rennt auch manchmal, aber gar nicht mehr so arg, wenn wir uns wohlfühlen und genießen. Manchmal steht sie  einen zauberhaften Moment still. Kenn ihr das? Bei mir neulich, als der Sonnenuntergang so atemberaubend war, dass ich tatsächlich kurz die Luft anhalten musste. Oder sie vergeht schleppend langsam, wie im Stau, wenn man schon viel zu spät dran ist.  Die Leere lassen, ist eine gute Übung, um mehr Zeit zu haben, habe ich entdeckt. Wie früher, als jede Sommerferien so unendlich lang erschienen, weil wir einfach nichts zu tun hatten.  Es ist doch so: Eine Lücke im vollen Terminplan lassen, an der noch nicht mal Selbstoptimierung stattfindet, ist eine feine Idee  – einfach, um Zeit zu haben.

Laufen, rennen, innehalten

Wobei sich das Empfinden auch verändert. Als ich jünger war dachte ich, ich hätte ewig Zeit. Ich sehe das heute bei meinen Söhnen. Je jünger wir sind, desto langsamer scheint manches zu gehen. Die Zeit bis endlich die 18 erreicht war, schien mir endlos. Alle, die um die 30 waren, schienen zudem uralt zu dieser Zeit. Ich hatte eine klare Idee von mir, wenn ich 30 sein würde. Was ich alles erreichen würde bis dahin, wie ich leben würde – es gab eine Idee. Natürlich hatte mein Leben nur begrenzte Ähnlichkeit mit dieser Idee. Es kam halt anders. Nun sind die Wechseljahre ein Thema, die Kinder erwachsen werden sehen ebenso. Selbst der Jüngste ist schon lange aus dem Sendung mit der Maus Alter herausgewachsen. Wenn wir nicht innehalten, schwebt die Zeit vorbei. Es geht doch so: Schwupp Weihnachten – Schwupp Ostern – Schwupp Sommerurlaub.  All das Rennen, habe ich hier schon geschrieben, bringt uns nichts. Ich bleibe daher dabei: Innehalten ist das, was zählt.

Ruhe, Ordnung –  Innen und Außen

Wenn Zeit rennt, rennen wir, für irgendwas oder irgendwen. Die Ruhe und Klarheit entsteht, wenn wir lernen genau das zu sehen. Unser Muster sehen und jedes Mal bewusst wählen, es anders zu machen. Wir selbst müssen aufhören, uns zu beeilen, uns optimieren zu wollen, super sein zu müssen. Wenn wir den Widerstand aufgebe gegen diese wilde, umperfekte Reise namens Leben und lieber einen Augenblick leben, wird es besser. Alles ist, wie es ist. Wir können manches ändern, aber nie alles. Vor allem können wir schlecht andere ändern. Das Rennen nutzt daher nur begrenzt etwas. Wenn, dann sollten wir für die großen Steine rennen, nicht für den Kiesel oder Sand oder gar das Wasser.Neu entscheiden und aufhören uns zu verzetteln, darum geht es. Oder generell um die Frage: Um was geht es dir – in diesem Leben?

Alles Liebe,

Silja

PS:  Dieses Buch rund um unsere Beziehung zur Zeit mag ich auch sehr (aber Achtung, es ist schon älter):

Ihr könnt das Buch gerne im Lieblingsladen kaufen damit er erhalten bleibt. Wer über den Link bestellt muss wissen, dass ich davon profitiere. Danke.

PPS: Das Bild von mir ist gemacht vom Fotodesign Martin Giebel. 

Hallo, ich bin Silja. Gründerin von Glücksplanet und Trainerin, Coach, Yogalehrerin, fröhliche Mama von drei Söhnen, glückliche Ehefrau, begeisterte Pflanzenesserin, beseelte Yogaübende. Mein Herz schlägt für Psychologie und Coaching, Yoga und gutes, gesundes Essen. Ich schreibe mit Leidenschaft über alles, was helfen kann ein glückliches, entspanntes und begeistertes Leben zu leben. Mehr findest du auf meiner "Über mich" Seite. Für tägliche Inspiration folge mir auf Facebook oder Instagram.

4 Kommentare

  1. Birgit 2 Monaten vor

    Liebe Silja,

    Danke für diesen Tollen Text! Die Gedanken kommen mir wie gerufen.

    Das oberste Foto: Ist das zufällig die Costa Calma auf Fuerteventura? Liebe Grüße unbekannterweise, Birgit

    • Autor
      Silja 2 Monaten vor

      Liebe Birgit,
      vielen Dank für deine lieben Worte und ja! Unser Lieblingsstrand!
      Viele Grüße zurück,
      Silja

      • Birgit 2 Monaten vor

        …auch unser Lieblingsstrand 😇
        Freu mich schon wieder auf einen neuen Blogeintrag mit inspirierenden Gedanken. 💓

        • Autor
          Silja 2 Monaten vor

          Du Liebe! Danke. Und es ist wirklich so schön dort. Immer wieder toll. Viele Grüße an dich!

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