Nüchtern – mein Fazit zu einem Jahr ohne Alkohol

Nüchtern – mein Fazit zu einem Jahr ohne Alkohol

Nüchtern – mein Fazit zu einem Jahr ohne Alkohol

Ich kann es kaum glauben, aber vor genau einem Jahr kamen wir heiter aus dem wunderbaren Madrid zurück. Mit im Gepäck hatte ich nicht nur Suse Kaloffs Buch über das nüchterne Leben (s.u.), sondern auch den festen Vorsatz selbiges mal für ein Jahr zu probieren. Die Gründe waren vielfältig. Die Brummschädel aus weinseligen Abenden war ich schon lange satt, aber auch das schwerfällige Gefühl nach nur einem Glas „guten Wein zu gutem Essen“ machte am nächsten Morgen einfach keinen Spaß mehr. Und wieso es nicht probieren? Klarer werden? Das Leben ganz pur, ohne einen Hauch Schöntrinkerei oder Entspannungsseeligkeit genießen lernen?

Aller Anfang ist motiviert

Gestartet bin ich jedenfalls ordentlich motiviert. Vor Freude hätte ich mir glatt die Selleriestangen in die Ohren stecken können! Ich wollte grüne Smoothies trinken, länger meditieren und überhaupt mich einfach strahlend klar durch mein Leben lächeln. Ich war bereit und versuchte meine Begeisterung in Familie und Freundeskreis munter zu verteilen. Das Interesse war glücklicherweise mäßig, was wohl etwas besonderes ist, denn in der fluchs gegründeten Facebookgruppe zum strahlend nüchternen Leben gab es die ein oder andere Geschichte, die schwer nach Ausgrenzung anmutete. Ich jedenfalls durfte weiter munter mitfeiern, halt mit meinem alkoholfreien Bier oder Wasser und ohne auch nur einen ernsthaften blöden Kommentar oder Blick.

Haarig wird es erst…

wenn man merkt, dass es manchmal fehlt. Da war ich erschrocken, immerhin hatte ich vorher doch auch nur hier und da ein Schlückchen, äh Gläschen getrunken? Aber nach den langen Tagen, an denen nicht so lief, wie ich dachte oder an diesen lustigen Abenden, wo alle immer fröhlicher und die Stimmen immer lauter wurden – da fehlte mir plötzlich etwas. Die Zugehörigkeit zur ungebremsten Heiterkeit vielleicht und auch die schnell einsetzende, gedankenlose Entspannung eines schweren Rotweins nach einem langen, grauen Tag. Klischees? Ja, ich gebe es zu. Mein Vermissen war voller Klischees. Zumindest manchmal. Zwei Mal wäre ich fast schwach geworden. Belohnung! schrie etwas in mir und ich wollte betäuben oder belohnen oder einfach abschalten.

Wie man dran bleibt

Nun ist es aber so, dass ich es mir versprochen und dazu es laut ausgesprochen hatte. Beides machte was mit mir. Ich begann mich selbst als Experiment zu sehen, mich zu sezieren. Das hat eine schöne Distanz in die ersten sehnsuchtsvollen Momente geebracht und ich habe gelernt Umgehungsprogramme für mein Gehirn zu schreiben. Ein alkoholfreies, kühles Bier statt einem Glas Wein, beispielsweise. Das Wasser im Weinglas mit kleinen Beeren dekoriert. Man kann sich das Wassertrinken ganz schön machen und die Sehnsucht dauerte immer nur Sekunden, fiel mir auf. Nach zwei Mal aushalten war ich schon über den Berg und der Rest des Jahres wurde sehr entspannt.

Freundschaften und die Kraft unseres Kopfes

Mein Freundeskreis war bezaubernd, die Familie reagierte weitestgehend verständnisvoll – und ich hatte trotzdem weiter Angst vor Ausgrenzung. Lauter Fragen in meinem Kopf: War ich noch lustig genug? Mir fiel selber auf, dass ich nüchtern ruhiger war, beobachtender. Ich war mit mir glücklich, aber was, wenn ich nun für die anderen langweilig wäre? Als der Supermann noch andeutete, dass ich „früher“ ja sehr lustig gewesen wäre, musste ich kurz stutzen. Aber es stimmte. Diese wilde Ausgelassenheit, die einen nach dem 4. Martini mit dem Rad in die Hecke stürzen lässt -war vorbei. Ich wollte mit dem Rad nach Hause fahren. Keine Lust mehr kichernd in einer Hecke zu sitzen, kein Gefühl für ein oben und unten. Nicht, dass das oft passiert war, aber das gab es schon. Zum Glück lachen wir hier weiterhin sehr viel, auch zusammen. Ich konnte also auch diese eigene Angst in den Griff kriegen. Sie war, das war am spannendsten, nur in meinem eigenen Kopf. Es war meine Geschichte von „früher“ und „heute“ von „berauscht = lustig“ und „nüchtern = langweilig“. Anders, durfte ich lernen, bedeutet weder schlechter noch besser. Es heißt nur: anders.

Natürlich high

Heute bin ich also über ein Jahr nüchtern und bleibe es erstmal. Keine Ahnung wie lange. Es fühlt sich richtig und gut und echt an. Ich springe morgens nicht immer aus dem Bett, aber viel öfter als früher. Ich kenne meine Unsicherheiten und trau mich sie nicht zu betäuben. Meist lerne ich zu schauen, warum sie da sind. Auch trau ich mich anderen zu, still oder laut und manchmal abern oder auch ernst. Ich gehe früher schlafen, besonders als man noch ausgehen konnte, ist mir das aufgefallen. Alkohol scheint auch wach zu machen. Was wiederum bedeutet, dass ich morgens fit bin. Ich kann immer nach Hause fahren, auch andere, das ist gut. Konzerte haben genauso Spaß gemacht und tanzen ebenfalls. Es gibt nichts was fehlt, nichts was ich vermisse.

Kein Vergleich, keine Bewertung

Das war noch spannend an diesem ersten Jahr: Manche, wenn auch wenige, begannen sich plötzlich zu erklären. Warum sie wieviel tranken, wie selten und wieso das auch total wichtig oder nicht zu strikt oder was auch immer war. Es erinnere mich an die Diskussionen über Biofleisch vom Metzger, dem man total vertraut. Die kommt immer auf, wenn ich nicht mehr verbergen kann, dass ich nur pflanzlich esse. Unsere Wahl ist für manche eine Bewertung – für mich aber nie. Es ist mir egal, was andere trinken. Sie dürfen selbst entscheiden. Ich versuche also auch bei der Nüchtern-Sache wenig Worte zu verlieren. Das klappt ganz gut. Und ansonsten gilt: all die Worte zeigen die Angst der anderen, nicht meine Bewertung. Spannend manchmal.

Ein Nein ist immer auch ein Ja

Dieser Satz ging mir Anfang dieser Woche durch den Kopf, denn durch die ganzen Neins in der Coronazeit, entsteht viel Raum für Ja. Ja zu langen Radtouren mit dem Jüngsten, Ja zu Yoga und etwas länger schlafen, zu Hausaufgaben im Schlafanzug und Online Coachings. Ja zu jeden Abend mit den gleichen zwei Personen verbringen (ok, Zoom Calls oder Distanz-Spaziergänge mit den liebsten Freundinnen ausgenommen). Und ich dachte mir: Jedes Nein macht Raum für ein Ja. Das Nein zum Alkohol macht Raum für etwas in mir. Ich kann es nicht ganz genau in Worte fassen, aber vielleicht habt ihr schon eine Ahnung bekommen. Diese innere Stimme ist lauter, der Kontakt in mein Herz besser. Ob das immer so bleibt? Keine Ahnung, aber muss ich ja auch nicht. Dies ist zum Glück keine Wette, ich kann entscheiden. Und momentan will ich gerne weiter strahlend nüchtern sein und ja, auch ab und zu eine Smoothie trinken. Wie schaut es bei euch aus? Wozu sagt ihr Nein und welches Ja ensteht?

Liebste Grüße,

Silja

PS: Suse Kaloffs Buch

Wie immer gilt: Das Buch beim Lieblingsladen kaufen, dann bleibt er erhalten! Wer hier bestellt muss wissen, dass bei Nutzung des Links ich ein wenig profitiere.

PPS: Das Foto hat Miriam gemacht.

 

Hallo, ich bin Silja. Gründerin von Glücksplanet und Trainerin, Coach, Yogalehrerin, fröhliche Mama von drei Söhnen, glückliche Ehefrau, begeisterte Pflanzenesserin, beseelte Yogaübende. Mein Herz schlägt für Psychologie und Coaching, Yoga und gutes, gesundes Essen. Ich schreibe mit Leidenschaft über alles, was helfen kann ein glückliches, entspanntes und begeistertes Leben zu leben. Mehr findest du auf meiner "Über mich" Seite. Für tägliche Inspiration folge mir auf Facebook oder Instagram.

8 Kommentare

  1. Liebe Silja, da gratuliere ich dir sehr herzlich dazu!!!👍 – bei mir war bis Ostern die(mittlerweile alljährliche) Fastenzeit und wiedermal habe ich bemerkt, wie gut das bewusste Essen und eben auch das Trinkverhalten tut.. mittlerweile trinke ich wieder gerne Wein, wobei der Unterschied zur alkoholfreien Zeit schon spürbar ist.. Wer weiß, vielleicht folge ich dir ja auch zu diesem Thema bald mal nach!.. – Danke jedenfalls dafür, dass du uns so regelmäßig an deinen Erfahrungen, Erkenntnissen und Weisheiten teilhaben lässt, – du bist wirklich eine große Bereicherung… 🌸🙏💕Liebe Grüße von Claudia aus Graz

    • Autor
      Silja 2 Monaten vor

      Hallo Claudia,

      ja wir alle dürfen unseren eigenen Weg finden 🙂
      Hab eine gute Zeit und bis bald,

      Silja

  2. Ursula 2 Monaten vor

    Oh, wie schön, Deinen Bericht zu lesen! Ich trinke schon länger praktisch nichts mehr, vor allem deshalb, weil ich schon nach einem halben Glas Wein merke, dass ich schlechter schlafe und am nächsten Tag dann nicht 100% ig fit bin, und das war es mir einfach nicht mehr wert….
    Allerdings befürchte ich auch ständig einen „Lustig-sein-Verlust“, der auch sicher stattgefunden hat, und das betrübt mich manchmal ein wenig. Ich gehe auch nicht mehr so gerne aus, weil ich dann abends einfach müde bin und ins Bett will (ja, Alkohol hält ordentlich wach), und so ging mein Partner dann mehr und mehr ohne mich aus, durchaus, um genau diese schnelle Entspannung zu finden, die Du beschreibst. Das tut mir oft leid, dass wir nicht mehr zusammen ausgehen…
    Bei Dir schien das mit dem Ausgehen ohne Alkohol aber trotzdem gut zu klappen…mh. Vielleicht sollte ich da – wenn es denn wieder möglich ist – mal wieder Versuche wagen?
    Liebe Grüße
    Ursula

    • Autor
      Silja 2 Monaten vor

      Liebe Ursula,

      wie wäre es, wenn du einfach mal versuchst nüchtern mitzugehen? Wenn ihr früher ausgeht? Und du dabei bist? Wenn man erstmal draußen ist, ist man oft wacher. Das hilft mir.
      Fühl dich umarmt!
      Silja

    • kath 2 Monaten vor

      Hallo Ursula,
      trink doch alkoholfreies Bier oder einen leckeren Cocktail ohne Prozente. So mache ich das immer ( wir machen zuhause immer einen Monat „dry january“). Ich gehe dann trotzdem aus und treffe mich mit Leuten, denn sonst hätte der Alkohlverzicht für mich so etwas von Bestrafung und das sollte es ja nicht sein. Ich (wir) leben unser Leben weiterhin wie gehabt, nur ohne Alkohol.
      Silja, daß du das ein ganzes Jahr ausgehalten hast: Respekt! Aber vielleicht wird es ja mit der Zeit leichter?
      Was du beschrieben hast, stimmt für mich auch: ich werde auf jeden Fall ruhiger und beobachtender. Lustig bin ich auch so, aber vielleicht nicht so aufgedreht, als wenn ich jetzt 3 Bier im Bauch hätte….
      Schönes und interessantes Thema, das mich zum Nachdenken anregt,
      Liebe Grüße aus Österreich….
      Kath.

      • Autor
        Silja 2 Monaten vor

        Liebe Kath,

        ja es wird leichter, das fand ich schon. Man findet auch so seine Alternativen und die Unsicherheit hat bei mir abgenommen. Außerdem gewöhnt sich das Umfeld daran.
        Freu mich, dass dich das Thema interessiert.
        Liebe Grüße,
        Silja

  3. Andreas 2 Monaten vor

    Ich bin ein Mann! Ein richtiger Mann! Aber auch wenn ich nicht mitsaufe?

    Hallo Silja,

    ich bin gerade sehr glücklich, dass ich über Deine Seiten gestolpert bin. Als Rückenstärkung zu meiner geplanten Nüchternheit (vorübergehend oder dauerhaft – wir werden sehen) suche ich schon lange, vor allem per Google, Beispiele von „normalen“ Männern die den Alkohol satt hatten. Gefunden habe ich entweder die erstmal grundsätzlich komplett gescheiterten Existenzen, Alkoholiker, Entlassene, Kaputte, Rausgeschmissene, Verlassene oder andere Formen, die jedenfalls nie meiner Kategorie entsprachen, obwohl ich mich und meine „Problemstellung“ für sehr durchschnittlich und weit verbreitet halte – aber genau das wird das Problem sein: diese Kategorie Alkoholtrinkender erkennt den Bedarf an Veränderung erst gar nicht oder redet sich schnell alles wieder schön, weil so schlimm ist es ja denn nun auch nicht…
    Ehemann, Vater, Sportler, Teamleiter, erfolgreich, nett, gutaussehend, gesund, hilfsbereit, generell glücklich (vielleicht weil doof und/oder sehr anpassungsfähig) usw., aber halt auch, seit der Jugend, bei jeder sich bietenden Gelegenheit mit Glas oder Flasche in der Hand. Auf einem Bein steht man schlecht, Entspannung, Belohnung, locker machen, Begrüßung, Abschied, Freud, Leid, die Sonne scheint, es regnet usw. usw. – über derlei „Gründe“ macht sich ja eigentlich niemand einen Kopf! Ich schon! Hab aber den Absprung nicht geschafft bzw. hat es sich problemlos leicht so hintenrum wieder eingeschlichen. Und jetzt auch noch Corona. Na wenn das mal kein Grund ist. Prost.
    Und jetzt kamst zum passenden Zeitpunkt Du, die „Yogatante“ (sorry), und hast in etwa genau die gleichen Gründe fürs Trinken wie auch fürs Nichttrinken wie ich. Und auch ursprünglich die gleichen Fragen. Was sagen die anderen? Bin ich noch lustig genug? Bin ich langweilig? Muss ich meinen Freundeskreis aufgeben? Wendet sich wer ab? Wird getuschelt?
    Dein Weg macht mir Mut, inspiriert mich, treibt mich an. Ich hätte es so oder so gemacht – aber jetzt erst recht. Danke!
    Andreas
    PS: Glückwunsch. Starke Leistung!

    • Autor
      Silja 2 Monaten vor

      Lieber Andreas,

      so cool! Danke dir für dein Feedback. Ja ich glaube, das Thema ist geschlechtsübergreifend präsent und echt eine Veränderung für uns, wenn wir es angehen. Ich bin so dankbar, dass ich damals Inspiration gefunden habe und freu mich gerade sehr, dass du sie nun hier findest. Was für ein tolles Feedback.

      Hab viel Freude bei Nichttrinken und halt gut durch, wenns mal komisch ist.

      Alles Liebe,
      Silja

Eine Antwort hinterlassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

*